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Ich suche allerlanden eine Stadt ...




Gebet


(meinem teuren Halbbruder, dem blauen Reiter)


Ich suche allerlanden eine Stadt,

Die einen Engel vor der Pforte hat.

Ich trage seinen großen Flügel

Gebrochen schwer am Schulterblatt.


Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.


Und wandle immer in die Nacht ...

Ich habe Liebe in die Welt gebracht -

dass blau zu blühen jedes Herz vermag,

Und hab ein Leben müde mich gewacht,


In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.


O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;

Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,

Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,

Du mich nicht wieder aus der Allmacht lässt

Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.


(Else Lasker-Schüler)


Am 11. Februar 2019 wäre Else Lasker-Schüler 150 Jahre alt geworden, am 22. Januar 2020 jährte sich ihr Todestag zum 75. Mal. Peter Hille nannte sie den „schwarzen Schwan Israels, eine Sappho, der die Welt entzweigegangen ist“, Gottfried Benn „die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“. Heute zählt Lasker-Schüler zu den bedeutendsten Vertreterinnen der avantgardistischen Moderne und des Expressionismus in der Literatur. In ihrer tiefen Religiosität lehnte sie jeden Dogmatismus ab und übernahm neben dem mystischen Judentum auch Elemente christlicher und muslimischer Traditionen.

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