Die Rallkirchen: Architektonische Kunstwerke aus den 60er Jahren
- hds

- 15. Dez.
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Heinz Rall (1920 – 2006) – in württembergischen Architektenkreisen ist das ein bekannter Name. Für 22 neue evangelische Kirchen in Württemberg der 60er Jahren des letzten Jahrhunderts hat Heinz Rall die Pläne entworfen und sie realisiert. Später, in den 70er Jahren traute er sich an alte Substanz . In Leutkirch modernisierte er die gotische Dreifaltigkeitskirche und sein Alterswerk und Höhepunkt seiner Schaffenskraft war zweifellos die Evangelische Mauritiuskirche in Güglingen im Jahr 1977. Aber damit nicht genug: Rall sanierte gleich die ganze Stadt und machte darauf mit der Künstlerin und späteren Frau Ursula Stock daraus ein Gesamtkunstwerk und gleichzeitig seinen Alterswohnsitz.

Die älteste seiner Kirchen, gewissermaßen das Urmodell, entstand 1959 in Sindelfingen. Dann ging es Schlag auf Schlag. Fast in jedem der folgenden Jahre entsteht eine typische Rallkirche rund um Stuttgart. In Böblingen, Esslingen, Stuttgart, Leonberg, Bad Cannstatt und Calw schossen die typischen Betonbauten mit den für manche gewöhnungsbedürftigen spitzen Türmen aus dem Boden. Vornehmlich in den frisch entstanden Siedlungsstadtteilen gewann er jeden Architekturwettbewerb. Als ehemaliger Wehrmachtspilot, der für die Bombardierung von feindlichen Städten verantwortlich war, wollte er sinnvolle Wiederaufbauarbeit leisten. Das motivierte ihn, nach dem Krieg Architektur zu studieren. Seine dominierenden Werkstoffe: Beton und Glas. Seine Grundidee: Bunker und Zelt. Geschickt kombinierte er die Leichtigkeit eines Zeltes mit der Geborgenheit eines Bunkers. Neben den Sakralbauten entwarf Heinz Rall auch Profanbauten. U.a. mein Elternhaus und meine Grundschule in Tübingen-Unterjesingen entstammten seinem Büro.

Warum ich das alles erwähne: Heinz Rall ist mein Großonkel. Ich kenne ihn seit Kinderzeiten, aber leider hatten wir zu späteren Zeiten keine Kontakte mehr. Es ist mehr als schade. Ich bedauere das sehr. Geändert hat sich das erst, als ich vor kurzem einen opulenten Bildband erwarb, der aus Anlass seines 100.Geburtstags herausgegeben wurde und elf exemplarische Rallkirchen mit wunderschönen Bildern präsentiert. Aber da war es schon zu spät für den Austausch. Heinz Rall starb 2006 in Güglingen, die Stadt mit römischen Funden, die zu seiner neuen Heimat wurde. Dort ist er auch begraben. Den erwähnten Bildband nahm ich zum Anlass, zusammen mit meiner Frau auf spontane Spurensuche zu gehen. Diese führten uns zunächst vor verschlossene Kirchen: in Böblingen und Sindelfingen waren alle drei Kirchen an einem nebligen Nachmittag dicht. In der vierten Kirche (Leonberg-Ramtel) wurden wir mit einer Exklusivführung entschädigt. Ein ehemaliger Konfirmand, dessen Frau dort als Pfarrerin wirkt, ließ seine Begeisterung spüren. Am nächsten Tag folgten noch besagtes Güglingen, ebenfalls mit Exklusivführung des ehemaligen immer noch begeisterten Mesners.

Dann geschah es doch noch: Wir konnten in eine geöffnete Kirche in Ludwigsburg eintreten. Von der präsenten Mesnerin war zu entnehmen, dass diese Rallkirche, die wie eine Pagode anmutet, häufig von Traupaaren in Anspruch genommen wird. Wirklich: das Gotteshaus mit dem Ensemble Gemeindezentrum, Kita, Pfarrhaus und großem Vorplatz wirkt einladend. Luftig, stylisch, durch und durch retro. Neben einem gewissen Stolz, der mich beim Betrachten der architektonischen Kunstwerke der 60er Jahre erfüllt, kommt auch leider ein Gefühl der verpassten Chance hoch. Ich kann jetzt nur posthum nachrufen: Gut gemacht, lieber Onkel. Respekt vor deiner Lebensleistung. Ich bleibe dran. Für das nächste Jahr plane ich eine kunsthistorische Besichtigungsfahrt mit einer befreundeten Kunsthistorikerin und mit tieferen Einblicken in offene Kirchen.





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