Die Heilignachtsänger: Vom Geheimnis singen
- hds

- 23. Dez. 2025
- 6 Min. Lesezeit

Es ist zwar eine uralte Geschichte, seit bald 2000 Jahren wird sie erzählt und weitergetragen, besungen, bespielt und ausgemalt. Schon so oft haben wir sie gehört, aber immer wieder hören wir neu und anders hinein in die alten Worte der Weihnacht. Es sind Nuancen. Der Ton ändert sich, die Stimmung ist von Jahr zu Jahr verschieden. Bei manchen Passagen hören wir besonders hin. Familienereignisse haben stattgefunden: Ein Kind ist geboren. Wir mussten uns von geliebten Menschen trennen. Hürden sind genommen. Andere stehen bevor. Auch unsere Gemütslage ändert sich von Jahr zu Jahr. Ereignisse prägen uns und bilden sich in unserem Innersten ab.
Im Flug der Zeiten, bei aller Unsicherheit tut es gut, an Vertrautes anzuknüpfen. Das Weihnachtsevangelium ist ein vertrauter Text. Es zaubert eine vertraute, Stimmung.
Das macht unseren christlichen Weihnachtstext mit seinen Bildern so wertvoll. Und wenn sich noch die Krippenfiguren herumgruppieren, der Christbaum, die Kerzen, der Duft von Gutsle und vieles mehr: Dann wird es so richtig Weihnachten.
Weihnachten ist wie ein Kunstwerk, das wir betrachten, das wir leben, in das wir hineingehen, von dem wir uns berühren lassen. Die Geburtsgeschichte von Betlehem führt uns in jene besondere Stimmung, die nur am Heiligabend aufkommt. Ein Journalist hat es in diesen Tagen so ausgedrückt: Weihnachten ist wie ein Lagerfeuer, das nie niederbrennt. Und wir legen jedes Jahr ein paar Scheite dazu.
Mich fasziniert die Geburtsgeschichte Jesu aus Lukas 2 schon seit langem. Wir haben sie im Studium aus der Ursprache übersetzt, kritisch hinterfragt, sie zerlegt, analysiert, Widersprüche herausgearbeitet usw. Wir sind mit den Mitteln der Wissenschaft herangegangen. Was man mit allen biblischen Texten so macht, wenn man Theologie studiert. Das ist gut so. Es wäre ein brüchiger Glaube, wenn er diese Kritik nicht aushielte. Aber all die berechtigten Durchleuchtungen konnten mir nicht beantworten, warum mich gerade diese Geschichte so berührt und anspricht.
Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes lässt sich mit keiner Wissenschaft erklären. Ein Hauch davon können wir spüren, wenn wir an unser eigenes Kindsein denken.
Wir alle wurden geboren. Niemand von uns weiß, wie es sich anfühlte, als Neugeborener oder Neugeborene die Welt zum ersten Mal zu erblicken. Wir ahnen, dass dieser Start in ein neues Leben ein gewaltiger gewesen sein muss. Von dieser Kraft des Neuen erzählt die Weihnachtsgeschichte. Wenn wir die alten Lieder singen, können wir etwas von der Wucht des Geschehens spüren.
Die Heilignachtsänger singen das Geheimnis
Seit einem Jahr singe ich mit Freude bei den Heilignachtsängern mit. Ein traditioneller Ravensburger Männerchor, der nur in der Weihnachtszeit auftritt. Seit 160 Jahren gibt es den Brauch hier in Ravensburg, Einmal am vierten Advent (im Hospiz beim EK und in der Heiliggeistkapelle) und besonders in der Heiligen Nacht ziehen wir durch die Stadt. Auch in diesem Jahr an Heiligabend schwärmen wir aus. Von der Liebfrauenkirche zum Weststadtfriedhof, zum Münster Weissenau, nach St. Christina und zum Schluss um Mitternacht am Blaserturm. Dazwischen machen wir auch unserem OB Rapp die Aufwartung.
Das Lied, mit dem wir jede Station eröffnen, lautet:
Sei willkomm uns, o heiligste Nacht. Heller Tag, der uns Freude gebracht. Dich, edle Feierstund, preiset mein Herz und Mund, heut kam Segen auf das Erdenrund.
Froh ertönte der Engelgesang, welcher goldene Wolken durchdrang: Friede und Seligkeit herrsch bei euch weit und breit. Wir verkünden euch göttliche Freud.
Kommt ihr Hirten zum Stalle geschwind. Dort erblickt ihr das himmlische Kind. In eine Kripp gelegt, elend und arm bedeckt, das uns einstens vom Grab auferweckt.
Es ist die „heiligste Nacht“, die wir willkommen heißen. Trotz äußerer Dunkelheit wird hier der helle Tag gepriesen, mit unserem Herz und mit unserem Mund, also sowohl mit unseren stillen Gefühlen und mit unserer dankbaren und lobenden Antwort durch Lieder, Texte, Geschichten und guten Worten. Der Grund für unsere innere Stimmung: „heut kam Segen auf das Erdenrund.“
1. Sei willkomm uns, o heiligste Nacht. Heller Tag, der uns Freude gebracht. Dich, edle Feierstund, preiset mein Herz und Mund, heut kam Segen auf das Erdenrund.
Der zweite Vers nimmt Bezug auf den Engelgesang über den Feldern von Betlehem
2. Froh ertönte der Engelgesang, welcher goldene Wolken durchdrang: Friede und Seligkeit herrsch bei euch weit und breit. Wir verkünden euch göttliche Freud.
Lukas 2, 13: Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: 14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.
Voller Kraft schwingen sich die Engel aus den himmlischen Sphären hinab zur Erde. Sie bringen das Wort Gottes vom Himmel und die Emotion der Kraft einer überzeugenden Botschaft: Fürchtet euch nicht.
Ja, liebe Engel, das ist so leicht gesagt: Fürchtet euch nicht. Wie das? Kann man das so einfach sich sagen lassen? Wir kennen doch unser Innerstes. Wir wissen doch genau, dass sie sich manchmal anschleicht wie der Dieb in der Nacht: die Angst vor der Zukunft. Die Angst vor dem Wandel. Die Angst vor einer längst fälligen Entscheidung.
3. Kommt ihr Hirten zum Stalle geschwind. Dort erblickt ihr das himmlische Kind. In eine Kripp gelegt, elend und arm bedeckt, das uns einstens vom Grab auferweckt.
Die Hirten haben gar nicht viel Zeit. Sie werden überrumpelt. Hirten stehen für Spontanität, für Vertrauen und für das Umkrempeln alter Pläne. Sie sind uns nahe. Sie verlassen sich darauf, dass die Engel ihnen das richtige zeigen: Friede, Seligkeit und göttliche Freud. Das Aufbrechen lohnt sich.
Und den Stall, die Krippe dürfen wir uns nicht zu romantisch vorstellen. Notquartier fällt mir dazu ein. „Elend und arm bedeckt.“ Wirklichkeit für viele. Auch heute Abend. Nicht jeder Mensch hat ein sicheres Lager für die Nacht.
Fürchtet euch nicht. Was kann das heute bedeuten? Wir dürfen auf Wandlungskraft unserer Einstellungen und Haltungen hoffen. So wie unser Gehirn ein plastisches Organ ist, so können sich auch festgezurrte Meinungen und Haltungen ändern.
Und dann folgt etwas, was unsere Vorstellung vom kleinen Jesuskind in der Krippe sprengt: in der Krippe liegt ein Kind, „das uns einstens vom Grab auferweckt.“
"... das uns einstens vom Grab auferweckt"
Das macht die Weihnachtsgeschichte so anders als alle Geschichten. Dieses unscheinbare Baby, Sohn von Maria und Josef, hat von Gott die Macht erhalten, uns einstens vom Grab zu erwecken.
Ich finde es besonders beeindruckend, dass wir Heilignachtsänger unsere Lieder auf dem Friedhof in der Weststadt zum besten geben. Unter dem großen beleuchteten Christbaum herrscht eine besondere Stimmung, wenn wir vom Kind singen, das uns einst vom Grab erweckt. In diesem kleinen, unscheinbaren Wesen, steckt die Gotteskraft der Passion und Auferstehung.
Diese Aussage sprengt die Idylle und führt in eine Zukunft, in eine Dimension, die wirklich alles neu macht. „Siehe, ich mache alles neu“, (Offenbarung 21,5) die neue Jahreslosung 2026, das ist die Perspektive von Weihnachten. Selbst das Grab macht nicht Halt vor dieser Kraft.
Unsere Wahrnehmung von Größe wird hier auf den Kopf gestellt. Auch unsere Selbstsicherheit. Auf diesem Kind, so sagen wir Christen, ruht die Hoffnung, dass heil wird, was zerbrochen liegt. Es ist der Trost der ganzen Welt. Deshalb ist die Weihnachtsbotschaft so wertvoll für uns.
Diese Krippe, an der sie sich alle versammeln – Tier wie Mensch, Weise wie Arme, strahlt aus. Sie bewegt Menschen. Die Weisen kehren auf einem anderen Weg zurück. Die Hirten werden wohl als Veränderte an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.
Am Ende unserer Weihnachtsgeschichte erklärt uns Maria, die Mutter Jesu, wie sie mit den Dingen umgeht, wie wir das Lagerfeuer am Brennen halten können.
Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. So heißt es am Ende der Lukasgeschichte.
Im Herzen bewegen. Weihnachtsfrieden ausstrahlen. Und mit der menschlichen Haltung der Güte und Zuversicht und vor allem des Mutes weitertragen.
Irischer Weihnachtssegen
Gott lasse dich ein gesegnetes Weihnachtsfest erleben. Gott schenke dir die nötige Ruhe, damit du dich auf Weihnachten und die frohe Botschaft einlassen kannst. Gott nehme dir Sorgen und Angst und schenke dir neue Hoffnung. Gott bereite dir den Raum, den du brauchst und an dem du so sein kannst, wie du bist. Gott schenke dir die Fähigkeit zum Staunen über das Wunder der Geburt im Stall von Bethlehem. Gott mache heil, was zerbrochen ist und führe dich zur Versöhnung. Gott gebe dir Entschlossenheit, Phantasie und Mut, damit du auch anderen Weihnachten bereiten kannst. Gott bleibe bei dir mit dem Licht der Heiligen Nacht, wenn dunkle Tage kommen. Gott segne dich und schenke dir seinen Frieden. Amen.




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