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Europa bildet die Mitte




Europa bildet die Mitte

Und wieder eine Horizonterweiterung. Ziemlich im Grünen, liegt sie, am Rande des Vorstadtbezirks Wezembeek – Oppem, an angrenzende Feldern: die Internationale Deutsche Schule Brüssel. Am Eingang empfangen mich die europäische Fahne, flankiert von der deutschen und der belgischen Flagge. Schulleiter Jochen Flohn holt mich am Eingang ab. Ganz so streng wie in der Europäischen Schule in Uccle, der ich vor zwei Wochen einen Besuch abstattete und auch eine Unterrichtsstunde hielt, geht es hier nicht zu. Schulleiter Flohn führt mich durch Gänge und Räume, in Lehrzimmer und Raucherecke, zum Sportplatz und in die Kita. „Wir leben auf einer Insel“, sagt er, der seit 2022 Schulleiter ist und vorher lange Jahre in der Deutschen Schule Paris tätig war. 140 deutsche Auslandsschulen gibt es weltweit. Nur in Brüssel und Shanghai kann man die fachgebundene Oberschulreife ablegen. Etwa 600 Schülerinnen und Schüler aus allen Bildungsbereichen werden hier in Brüssel unterrichtet. In der Aula, einem Schmuckstück, probt gerade die Theatergruppe, in der Realschule wird mündlich geprüft. Es ist recht still in der Schule. Disziplinprobleme gibt es nicht, klärt mich der Schulleiter auf.



Die Schülerinnen und Schüler sind in der Regel hoch motiviert, sie stammen aus bildungsnahen Elternhäusern. Die Eltern sind es auch, die den Elternverein tragen. Die Schule ist wie eine Privatschule organisiert, mit einem Schulgeld von 10.000-12.000 € pro Jahr, sie ist organisiert nach belgischem Recht. Die Schule hat, bedingt durch die soziale Stellung der Eltern ein hohes intellektuelles Niveau. Diplomaten, Mitarbeitende der Industrie, NATO-Angehörige schicken ihre Kinder auf die deutsche Schule. Französisch spielt hier im Vergleich zu Uccle nicht die große Rolle, eher Englisch, die Kita hat z.B. ein bilinguales Konzept. Das Inseldasein versucht Schulleiter Flohn ab und an aufzubrechen, indem er Projekte in Brüsseler Problemvierteln anregt. Z.B. Gemeinsam mit einer Wohltätigkeitsorganisation schmieren die Schülerinnen und Schüler Brote für Wohnungslose, die sie dann auch verteilen. Bei diesen Aktionen außerhalb der Insel gibt es anrührende Begegnungen, Erleben von sozialen Dissonanzen. Eine klassische soziale Durchmischung fehlt in der Schule, die seit 1803 existiert. Es gibt z.B. keine muslimischen Schülerinnen und Schüler. Der jetzige Bestandsbau aus den 60er Jahren weist so gravierende Mängel auf, dass er aus brandschutztechnischen Gründen als unsanierbar gilt. Bislang gibt es keine Barrierefreiheit, also auch noch keinen inklusiven Unterricht. Bis wann der Bau realisiert werden kann, steht in den Sternen. Der Neubau, in dessen Pläne und Modelle man sich in der Schul-Lounge vertiefen kann, wird nach heutiger Kalkulation 70 Millionen kosten. Klagen drohen den Bau noch weiter zu verzögern. Finanziert wird der Neubau komplett durch den Bund. Der Bund lässt sich die Bildung etwas kosten. „Ich werde den Neubau nicht mehr als Schulleiter erleben“, zeigt sich Flohn eher pessimistisch. Mir fällt auf, dass die Tür zum Büro des Schulleiters offen ist. An der Wand prangt ein Bild des Bundespräsidenten. Das ist Vorschrift, klärt Flohn mich auf.



Mein Fazit: Der Bund lässt sich die Bildung für Kinder in den deutschen Schulen weltweit etwas kosten. Bildung hat einen hohen Stellenwert und einen hohen Anspruch in Europa. Es fehlt zwar die klassische soziale Durchmischung, aber in Projekten wird das Lernfeld permanent erweitert. Auch für qualifizierten evangelischen und katholischen Religionsunterricht ist gesorgt. Kein Wunder, denn der Schulleiter, ehemaliger Orgelspieler, besucht regelmäßig die Gottesdienste in beiden deutschsprachigen Gemeinden.

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