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Chance der Leere

  • Autorenbild: hds
    hds
  • 12. Nov. 2025
  • 2 Min. Lesezeit



Eigentlich müsste hier, in der Nische an der Ostseite des Kapitelsaals des Klosters Weissenau zwischen zwei Fenstern eine Heiligenfigur stehen. Noch zwei Befestigungshaken sind übrig. Aber welche Figur mag das gewesen sein? Der heilige Norbert, der Gründer des Prämonstratenserordens, ehemalige Hausherren des Klosters? Der heilige Augustin, auf dessen Ordensregel die Prämonstratenser zurückgehen und die direkt hinter diesen Mauern jede Woche Kapitel für Kapitel vorgelesen wurde (darum Kapitelsaal). Eine weibliche Heilige? Maria Magdalena, die eng vertraute Jesu? Warum und wann wurde die Figur an der östlichen Front entfernt? Bei der Säkularisierung des Klosters 1804, später bei der Gründung der königlich-württembergischen Irrenanstalt 1892? Oder schon vorher, 1853, als die Protestanten in den Kapitelsaal einzogen und fortan bis heute evangelische Gottesdienste feiern. War die Entfernung gar ein Werk des Bildersturms, mit dem sich die Radikalen unter den Protestanten als zerstörerische Kunstbanausen outeten, weil sie damals nicht kapiert haben oder nicht kapieren wollten, dass Kunst und Glauben zusammengehören? Alles nur Mutmaßungen. Es ist nun mal nichts mehr in der Nische. Und so macht es auch keinen Sinn, sich hier irgendetwas oder irgendwen her zu wünschen. Aber was fangen wir mit diesem Mahnmal der Leere an? Die meisten, die hier vorbeigehen, stört es sicher nicht, dass nur noch zwei Drahtrelikte als stille Zeichen der Entfernung sichtbar sind.




Warum muss denn alles immer gefüllt sein? Leere bietet auch Chancen. Anstatt den Kopf darüber zu zerbrechen, wer oder was hier mal einen Platz hatte, ist es viel interessanter, die Phantasie spielen zu lassen. Ich frage: Wer sind heute die angemessenen Heiligen, die Helden des Alltags? Es gibt so viele Menschen, die sich gegen Hoffnungslosigkeit wehren, die handeln gegen den Strom der Gleichgültigkeit,  die etwas tun, damit nicht die Dummheit siegt. Die Dummheit, die aus unserem Planeten ein Schlachtfeld verlorener Träume macht. Die Dummheit, die in der Besitzvermehrung das alleinseligmachende Glück sieht. Die Schaumschläger unserer Tage, die sich machtversessen in den Mittelpunkt stellen, ihr eigenes Ego zum Denkmal erheben. Die alle möchte ich hier nicht sehen. Es gibt so viele Menschen, sie sich aus dem Elend schwierigster Startbedingungen herauskämpfen und ein zufriedenes und genügsames Leben führen, ohne Ressourcen im großen Stil zu verschwenden, ohne dem Neidparadigma zu erliegen. Ich jedenfalls brauche keine Heiligen, die ich bewundern soll. Ich habe Respekt vor denen, die ihren Glauben trotz erbitterter Verfolgung bekennen. Ich staune, wenn Helden des Alltags mutig Initiative ergreifen, sich organisieren, auf die Straße gehen, das Unrecht benennen, aber auch Lösungen aufzeigen. Das ewige Meckern habe ich reichlich satt. Der Appell an die niedrigen Instinkte widert mich an. Die Nische darf sehr gerne leer bleiben, sie muss nicht gefüllt werden mit statischen Objekten. Die Chance jeder Leere ist die Offenheit und Bereitschaft persönlicher Hinwendung zu dem, was sich in meinem Inneren Raum schafft. Die Kirche hinter den Mauern sollte von innen heraus leuchten, einladend sein für Phantasie und Lebensbewältigung, für Trost und Hoffnung. Das lässt sich durch ein noch so ausgereiftes und ausgestaltetes Denkmal und auch nicht durch angehimmelte Vorbilder herstellen.


 
 
 

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