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Virus-Passion

Aktualisiert: März 26



Das Virus hat uns überrollt. Er trifft uns alle. Auch die Theologie. Für mich als Theologe stellt sich in diesen Tagen besonders die Frage nach der Systemrelevanz und damit der theologischen Deutung dessen, was im Moment vor sich geht. Allerorten wird gefragt, was für unser gesellschaftliches Leben von Bedeutung ist. Was kann man herunterfahren, was muss gefördert werden, wo müssen Ersatzleistungen geschaffen werden? Wie kann man den Betrieben beistehen? Welches Geld muss locker gemacht werden, um bestimmte Branchen nicht in den Ruin zu treiben. Alle gesellschaftlichen Institutionen sind in Alarmzustand und niemand weiß, wie es weitergeht.

Wo steht die Kirche im Krisenmodus? Wie krisenfähig sind wir? Welche Beiträge werden von uns erwartet? Werden an uns überhaupt Erwartungen herangetragen? Welche Themen müssen wir aus unserem Kern und unserer Überzeugung in das diffuse Geschehen einbringen? Was entspricht unserem Auftrag der Verkündigung, der Seelsorge, des Unterrichts? Und wie verhalten sich Erwartung und Anspruch zueinander? Der Staat verordnet den Bürger*innen Enthaltsamkeit in allen gesellschaftlichen Bereichen. Diese Enthaltsamkeit trifft auch unsere kirchlichen Felder ins Mark. Gottesdienste dürfen nicht mehr gehalten werden, Seelsorge ist nur begrenzt möglich und der Unterricht lässt sich auch nicht mehr durchführen, mangels Schüler*innen und Schulen.

Wüstenerfahrung

Wie kann kirchliches Leben unter den Bedingungen der sozialen Distanz gestaltet werden? Begegnung gehört zu meiner Berufsidentität. Das Arrangieren von Zusammenkünften, die Versammlung in meinem schönen Kirchenraum zum Gottesdienst oder zum wöchentlichen Kirchencafé und zu den Veranstaltungen der Kulturkirche gehören zu meinen Kernaufgaben. Seelsorge durch Gruppenangebote, Singangebote, Stationsandachten sind bis auf weiteres gecancelt. Ich leide unter dem neuen Abstandhalten. Sich zusammenfindende Menschen sind konstitutiv für kirchliche Arbeit. Jesus hatte immer mehr oder weniger Menschen um sich. Berührung, Segnung, gemeinsames Essen und Beten, all das sind Kennzeichnen der geistlichen Nähe und Glaubensstärkung. Es mag Zufall sein, dass uns die Corona-Krise mitten in der Passionszeit ereilt. Das Virus sucht sich den Zeitpunkt seiner Verbreitung nicht aus. Als Theologe kommt mir in der Passionszeit sinnigerweise die Versuchungsgeschichte in den Sinn. Die Evangelien zeichnen die 40-tägige Wüstenerfahrung Jesu auf, die sich an die Taufe durch Johannes anschließt. Die Bibel beschreibt diese Phase als Versuchung. Mehrfach muss Jesus die Versuche des Teufels abwehren, die Situation des Alleinseins, der Auszehrung und der Agonie mit drei schamlosen Offerten auszunutzen. Der Teufel wird hier nicht ausgemalt, sondern nur benannt. Was hat die christliche Tradition aus dieser Gestalt gemacht? Ein zerstörerisches Monster mit eigenem Reich. Man hat ihn mit einer Macht ausgestattet, die ihm nicht zukommt. Die Macht ist durch diese Geschichte gebannt. Man hat ihn in Gedanken groß und größer werden lassen und mit ihm gedroht. Man hat Kinderseelen gebeugt und labile Menschen verängstigt. Fromme Leute dachten, Macht und Einfluss der Kirche stärken zu können, indem man diesem bedrohlichen Gegenbild Gottes einen eigenen Wirkungsraum eröffnet. Ich erkenne in der Versuchungsgeschichte (Mt. 4,1-1) die dunkle Macht der Einsamkeit am Werk, das Verstricken in finstere Gedanken, ausgeliefert an fremde Kräfte, allerdings jenseits einer Personifizierung. Solche Versuche von übergriffigen Bemächtigungen sind mir aus der Seelsorge mit psychisch kranken Menschen bekannt. Sie erzählen mir oft, wie hilflos sie sich fühlen, wenn unerklärliche Kräfte an ihnen ziehen und zerren. Und wie schwer es ist, das Heft des Handelns zu behalten.

Versuchung existenziell

Mir ist diese Geschichte deshalb wichtig, und wird mir in der jetzigen Situation noch wichtiger, weil es sich um einen Machtkampf handelt, den Jesus eindeutig für sich entscheidet. Eindeutiger geht es nicht. Es gelingt dem Widersacher in keiner Weise, bei dem standhaften Jesus die Unterwerfung in seinen Machtbereich zu provozieren. Im Gegenteil. So schildert das Matthäusevangelium das Ende der Wüstenepisode: „Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel herzu und dienten ihm.“ (Mt. 4,11). Und ich bin geneigt zu ergänzen: Und das Teufelchen wurde so klein mit Hut. Diese Geschichte und vor allem dieses Ende, das den Teufel klein aussehen lässt, ist mein theologischer Ansatzpunkt. Und zwar aus dem folgenden Grund: Mir ist kein Bibeltext bekannt, den meine Schüler*innen in der Schule für Kranke der Kinder- und Jugendpsychiatrie ähnlich stark beeindruckt hat wie diese Erzählung aus der Wüste. Intuitiv spürten sie in diesem Narrativ den Kampf um die Macht, der eindeutig mit dem Sieg des Gottessohnes endete. Versuchungen kennen meine Schüler*innen zuhauf. Versuchungen sind bei vielen der Grund, warum sie bei uns eine Zeit in clean.kick verbringen. In dieser niederschwelligen Drogenstation, die ich regelmäßig aufsuche, um mit den Schüler*innen ins Gespräch zu kommen, hat sich meine Theologie sehr verändert und vertieft. Die Bibel ist für die meisten Schüler*innen out. Trotzdem wird das Angebot angenommen, was mich überrascht. Und wenn ich die Geschichte von der Versuchung Jesu erzähle, dann ist mir regelmäßig die Aufmerksamkeit gewiss. Die Reaktionen sind natürlich unterschiedlich. Manchmal entzünden sich kräftige Diskussionen mit den üblichen Argumenten des Zweifels. Manchmal wird das ziemlich krass ausgedrückt: "Herr Schäfer, das glauben Sie doch selber nicht, was Sie jeden Sonntag von der Kanzel verzapfen". Das ist dann für mich die willkommene Gelegenheit, klarzustellen, wie ich Glaube verstehe, dass Kanzelrede mit Echtheit und Ehrlichkeit zu tun hat usw. Meistens ist es aber ruhig. Starke Texte entfalten sich von selbst, ohne die große Vertiefung. Und sie wirken weiter. Ich bin überzeugt, dass uns diese Schlüsselgeschichte für Weg und Wirken Jesu eine ganz eigene Kraft für die Virus-Passion geben kann.

Gewonnener Machtkampf

Jesus hat den Machtkampf mit dem Teufel gewonnen und die Engel dienten ihm. Ausgerüstet mit der inneren moralischen Kraft der Widerständigkeit und mit der himmlischen Kraft, die höher ist als alle Vernunft, beginnt Jesus sein Wirken in Galiläa. Um mit Vollmacht wirken zu können, musste er durch diese Feuerprobe hindurch. Verantwortungsvoll und gestärkt im Sinne der ihm anvertrauten Menschen. Durch Taufe und Wüste hat er diese besondere Qualifikation erworben, die ihn als Gottessohn auszeichnet. Die Einsetzung mit dem offenen Himmel am Jordan, die Konfrontation mit menschlichen Abgründen in der Wüste befähigen zu großen Aufgaben, die allen Menschen zu Gute kommen. Ein Kapitel später schildert das Matthäusevangelium, in welcher Weise Jesus diese Aufgaben ausübt. In Matthäus 5-7 verkündigt er mit der Bergpredigt ein Programm, in dem er – basierend auf und nicht gegen seine Herkunftsreligion - die Leitlinien eines neuen Verständnisses vom menschlichen Miteinander ausführt. Diese Predigt auf dem Berg, der er die tröstlichen Seligpreisungen voranstellt, ist längst ein Stück Weltliteratur und der Schatz, den sie für die Menschheit bedeuten kann, noch lange nicht gehoben. Hier warten Aufgaben für die Theologie und Kirche.

Globale Wüstenzeit

Aktuell sehen wir uns mit täglich neuen Schreckensmeldungen konfrontiert. Eine Passion, wie ich sie und viele Mitmenschen noch nie erlebt haben. Es beschleicht uns Zweifel, da wir überhaupt nicht wissen, wie wir die Ereignisse christlich deuten sollen und wie wir aus dieser Pandemie hervorgehen werden. Wir wollen alle gestärkt hervorgehen und ich glaube auch, dass uns das gelingt. Aber wir werden Elemente unseres Glaubens und unserer christlichen Praxis neu befragen und sicher auch manches hinterfragen müssen. Es ist paradox, aber wir tun im Moment für uns und unsere Mitmenschen am meisten, wenn wir zu ihnen auf Abstand gehen. Das Virus zerstört unser Gemeinschaftsgefühl. Aber er baut neue Begegnungsformen auf. Allerorts schießen Streamingdienste wie Pilze aus dem Boden. Mehr oder weniger hausgemacht wird versucht, auch theologisch die Segnungen der Digitalisierung zu nutzen. Ich finde es gut, wenn die Kreativität für den Glauben in Krisenzeiten angeregt wird. Die Professionalität des Internets entblößt allerdings sehr schnell unsere selbstgestrickten Möglichkeiten und konterkarieren die zur Perfektion neigenden Sehgewohnheiten. Jede Form der Bewältigung ist unterstützenswert, wenn sie nicht die menschliche Würde angreift. Das Virus greift tief in unser menschliches Zusammenleben und unser Selbstverständnis als christliche Gemeinde ein.

Das Virus wird zur Passion mit völlig unüberschaubarem Zeitraum. Es ist in der Tat globale Wüstenzeit. Wir brauchen nur die menschenleeren Städte und Plätze zu betrachten. Um eines klarzustellen: Ich setze das Virus nicht mit dem Teufel der Wüstengeschichte gleich, auch wenn es die Macht hat, ganze Systeme durcheinanderzubringen. Insofern ist es schon auch ein „Zerwürfnisstifter“ (was diabolos ursprünglich bedeutet: „einer, der durcheinanderbringt“).

Seelenarbeit ist systemrelevant

Mit dem Sieg über den Machtanspruch des Teufels hat Jesus die Machtverhältnisse grundsätzlich neu bestimmt. Daran kann der Glaube stark werden. Ich sehe darin ein Zeichen, dass auch wir befähigt sind, die Machtverhältnisse über die subversive Macht des Coronavirus neu zu bestimmen. Dafür wird momentan alles getan, von Seiten der Pflegekräfte und Ärzt*innen, von Seiten der Forschung, von Seiten der Politik, von Seiten all der gesellschaftlichen Kräfte, die sich bemühen, die Abständigkeit durch gute Taten und Initiativen auszugleichen. Die Kirche sehe ich dabei insofern als systemrelevant, dass sie mit ihrer aus dem Glauben gewonnenen (noch verbliebenen) moralischen Kraft und in hohem Verantwortungsbewusstsein diese Bemühungen unterstützt und für die Kraft und den langen Atem betet. Beides wird noch lange benötigt werden. Es wird mehr denn je von uns erwartet, deutlicher zu machen, was in unserer Gesellschaft wirklich zählt. Es wird von uns sicher und auch zurecht erwartet, dass wir für die Menschen da sind, die um ihre Corona-Toten trauern und die nicht einmal die Möglichkeiten hatten, in Würde Abschied zu nehmen. Auch Seelenarbeit ist systemrelevant. Es wird auch wichtig sein, im Hier und Jetzt zu agieren (und damit die Seligpreisungen ernst nehmen, die die Adressaten hier und jetzt bereits den Zustand der Seligkeit zusprechen), den langen Atem zu bewahren und nicht vorschnell in die Überwindungsperspektive einzutreten. und damit hilflos und unglaubwürdig als billige Vertrösterin agieren. Das heißt für mich auch, dass wir uns der momentanen Wüstenzeit existenziell stellen und sie realistisch einschätzen, sie nicht fatalistisch dulden, sondern sich ihr mit seelischer und geistiger Kraft entgegenstemmen. Keinem Christen, keiner Christin ist versprochen, das Leben ohne Passion führen zu können. Passion gehört zur Christusnachfolge und ist auch ein Merkmal des Glaubens. Passion ist existenzielle Theologie. Es wird jetzt noch mehr darauf ankommen, das Leben Christi zu meditieren, auf ihn zu hören, die Geschichten seines Wirkens und Heilens mit uns zu verbinden. Wir gewinnen daraus Stärke. Unsere christlichen Ressourcen lassen uns aus einer tieferen Kraft schöpfen, die der Lebensbewältigung dient und Angriffe auf unser Selbst abwehrt. Denn es ist eine Kraft, die höher ist als alle unsere Vernunft. Um diese Kraft wirksam werden zu lassen, dürfen wir mit gutem Grund auch die Engel um ihren Dienst bitten.

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