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Telefonandachten zur Passion: Das verrutschte Herz


Das ver-rutschte Herz (Wilfried Peter 1944-2001)


In meinen Passionsandachten für das Telefon habe ich mich mit verschiedenen Kreuzesdarstellung befasst. Um eine etwas ungewöhnliche Darstellung eines Kreuzes handelt es sich bei der im Jahr 2000 entstandenen bemalten Holzarbeit von Wilfried Peter. Der Künstler hat ihr den Titel „Das verrutschte Herz“ gegeben. Ich habe Wilfried Peter in den letzten drei Jahren seines Lebens begleitet. Wilfried Peter bezeichnete Jesus Christus als sein Vorbild. In seine ungewöhnliche Kreuzdarstellung hat er seine eigene Passion eingearbeitet. Ein schwerer Schlaganfall in den 90er Jahren nahm ihm die Sprache. Zunehmend fiel es ihm schwer, sich verständlich auszudrücken. Als Ausdrucksform blieb dem ehemaligen Lehrer bis zuletzt die Kunst und die Religion. Beides konnte er in diesem Werk verbinden. Mit dem Einverständnis des Künstlers dienste es jahrelang als Leihgabe für unsere ökumenischen Gottesdienste zum Welttag der seelischen Gesundheit im Oktober. Seinen Platz hat es nun in Momo´s Welt gefunden, einem inklusiven, interkulturellen Familienzentrum in der Ravensburger Weststadt. Dort hängt es an der Schwelle vom Café zur Kita.


Wir sehen ein aus zwei Holzlatten zusammengenageltes Kreuz, auf das in kräftige Farben das Bildnis des Gekreuzigten aufgebracht wurde. Der gekreuzigte Christus sieht uns mit tiefblauen Augen an. Es beeindruckt durch seine Komposition. Zusammengefügt hat der Künstler die beiden Kreuzbalken nämlich nicht in der Mitte, wo Kopf und Rumpf zusammenfinden, sondern exzentrisch mit einem nach links gerückten Korpus und einem deutlich übergroßen, roten Herz mit gelben Punkten und den ausgestreckten Armen.

Bei einer Erkrankung ist das, was ursprünglich die Mitte eines Menschen gewesen ist, verrutscht. Etwas gerät ins Rutschen, beim Betroffenen selbst, bei seinen Angehörigen, bei Bekannten und Nachbarn. Durch dieses Verrutschen kann ein Riss entstehen, der sich durch alles gewohnte Leben zieht und es verändert. Das muss keine psychische Erkrankung sein. Auch eine allgemeine Verunsicherung, wie etwa die Pandemie, bringt etwas aus der Mitte. Auch wenn etwas aus der Mitte bzw. aus den Fugen gerät, verrutscht, verunsichert ist, dann ist Christus dabei, denn er selbst ist mit allen Merkmalen des Menschlichen ausgestattet. Er trägt die Züge aller Notleidenden, bei denen etwas aus dem Lot geraten ist, solidarisiert sich mit ihnen und macht sie gar zu Königen. Nicht anders lässt sich die auffällige goldene dreizackige Königskrone deuten, die eben keine Dornenkrone ist. Sondern das Zeichen des erhöhten Christus. Auch die Aufschrift INRI fehlt nicht.

Weltweit ist das Christentum die einzige Religion, die glaubt, dass selbst einem allmächtigen Gott etwas fehlt, wenn er den Tod nicht kennt und das, was Jesus erlebt hat: Zweifel und Todesqualen. In der Geschichte von den letzten Stunden Jesu gibt es eine Gefühlsäußerung, die zeigt, dass Gott, obwohl man das nicht denken und nicht begreifen kann, Todesqualen und Qualen des Zweifels durchlitten hat: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Jesus, so glauben und bekennen wir, war Gott und Mensch in einem. Ein Mensch in Todesangst und ein Gott, der erfahren hat, was Schmerzen sind. Uns sterblichen Menschen zuliebe. So, wie es im Passionslied heißt: „Wenn mir am allerbängsten, wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten, kraft deiner Angst und Pein.“


Unser etwas anderes Kreuz strahlt eine eigentümliche Ruhe, ja Souveränität, aus. So wie Johannes den Gekreuzigten beschreibt, als den „Erhöhten“. In dieses Kreuz ist die Auferstehung als Hoffnungsperspektive eingezeichnet. Und im großen Herz Christi hat vieles Platz, was Menschen ertragen und erleiden.


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