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Schmerzhaft und Respektlos

Die Causa Aiwanger erhitzt die Gemüter. Auch mein Gemüt. Und wenn ich mich an der Diskussion beteilige, dann als Theologe und als einer, der sich über 20 Jahre in der Gedenkarbeit für die Opfer der „Euthanasie“ und im christlich-jüdischen Dialog engagiert. Ich glaube an die Kraft der Vergebung. Ich glaube, dass wir aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen können. Ich werde mich auch nicht zum Richter über andere aufschwingen. Aber ich möchte klar sagen: hier hat ein Machtpolitiker seine Chance verspielt. Er hätte sich klar, ehrlich und sofort von diesem ekeligen, menschenverachtenden, niederträchtigen Pamphlet, das man in seiner Schultasche vor 35 Jahren gefunden hat, abwenden müssen. So hat es Marina Weisband, Jüdin, Psychologin und Publizistin in einem klugen Interview im Deutschlandfunk am 2.September gesagt. Klar, ehrlich und sofort: das heißt für mich: unmissverständlich. Nichts dergleichen. Im Gegenteil: die Äußerungen der Betroffenen lassen nicht darauf schließen, dass hier etwas gelernt wurde. Ein Politiker/eine Politikerin steht nun mal im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Ein Politiker, dem man die stellvertretende Leitung eines Bundeslandes anvertraut, sollte Vorbild sein, Vorbild auch im Umgang mit dem, was man verbockt hat. Stattdessen: tagelanges Schweigen, halbherzige Entschuldigung, Umkehrung der Täter-Opfer-Problematik, jubelnde Bierseligkeit in bayrischen Bierzelten. Und der Gipfel stellt die Behauptung dar, die Kampagne gegen ihn sei eine Instrumentalisierung der Shoah, um ihn fertig zu machen. Marina Weisband bringt es auf den Punkt: „Das ist so schmerzhaft für uns Nachkommen, so respektlos. Und das Zögern (auch von Söder) bedeutet für sie, die Verwandte im Holocaust verloren hat: „Ihr Juden seid uns nicht so wichtig.“ Dieses ehrliche Eingestehen: Ich schäme mich, ich habe gelernt, warum es so dumm war. Der aktiven Politik mangelt es oft an der „Basiskernkompetenz“ (Weisband), mit aller Kraft den Antisemitismus zu verurteilen. Es ist mehr als erbärmlich, wie hier mit der Geschichte verfahren wird. Und die Rechten hängen sich mit unsäglichen Schlussstrichdebatten daran. Widerlich!


So möchte ich es aber nicht stehen lassen. Als Theologe schaue ich nach vorne und frage mich: Gibt es trotzdem einen Lerneffekt in Zeiten eines zunehmenden Antisemitismus? Auch hier wieder Marina Weisband: Lehrer sollten nicht scheuen, die Gespräche zu führen. Es gibt viel Antisemitismus, Rassismus aus Unwissenheit, das habe ich als Lehrer selbst immer wieder erlebt. Es geht um Aufklärungsarbeit, um die Versetzung in die Opferperspektive. Offen reden und gemeinsam nach vorne gehen. Hier hat die Theologie eine große Chance, z.B. in der Aufarbeitung judenfeindlicher Aussagen im Neuen Testament, für Aufklärung sorgen, um den grassierenden Bildungsdefiziten entgegenzuwirken, die Geschichte der Kirche einem kritischen Diskurs unterziehen. Dummheit und Ignoranz sind leider immer noch weit verbreitet, auch bezüglich unserer Geschichte. Die Causa Aiwanger ist kein Lehrstück für angemessenes Aufarbeiten, kein Lehrstück für eine ehrliche Fehlerkultur, sondern durchschaubares Machtkalkül.

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