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Mechelen - Deportation in den Tod




Bei meiner Erkundungstour durch Belgien habe ich mir an meinem „freien“ Montag eigentlich Antwerpen vorgenommen. Wollte im königlichen Museum schöne Bilder anschauen und auch sonst noch sehen, was Antwerpen zu bieten hat. Aber weder das Wetter noch mein „Kater“ nach der desaströsen Europawahl luden dazu ein, sich in Ästhetik und Sightseeing zu ergießen. Heute, am 10.6. nehmen Steinmeier und Macron gemeinsam an einer Gedenkveranstaltung in Orandour-sur-Glarne teil. Dort haben die SS vor 80 Jahren ein ganzes Dorf, vor allem Frauen und Kinder zusammengetrieben und auf bestialische Weise ermordet. Eine sehenswerte Kurzdoku über das Massaker hat mir noch einmal deutlich gemacht, wie menschenverachtend die SS während der Besetzung Frankreichs agiert hat. Und dann sagt ein gewisser Herr K., dass nicht jeder der SS ein Verbrecher gewesen sei. Doch, Herr K, das waren sie allesamt. Wer freiwillig in einer verbrecherischen Organisation arbeitet, ist ein Verbrecher. Keiner wurde in die SS gezwungen. Sie und Ihre Kameraden sind falsch abgebogen, Herr K.


Kurzentschlossen verlasse ich meinen IC in Mechelen und nehme mir das Denkmal für die deportierten Jüdinnen und Juden vor. Auch dort hat die SS gewütet. Die Dossin-Kaserne ist eine in Belgien einzigartige Stätte der Erinnerung an den Holocaust. Unter der Besatzung durch die Nazis im Zweiten Weltkrieg wurden von der Kaserne aus, die damals als „SS Sammellager Mecheln" fungierte, mehr als 25.625 belgische und nordfranzösische Juden und Roma nach Auschwitz deportiert und die meisten gleich nach Ankunft ermordet. Zwischen August 1942 und Juli 1944 fanden 27 Transporte statt, anfangs in 3.Klasse-Eisenbahnwaggons, später in Viehtransportern (s.Bild). Nach einem Einführungsfilm werden die Besucher auf einen Rundgang geschickt, der sich über vier Stockwerke erstreckt und eine Fülle von Informationen über den Holocaust in Belgien bietet. Ergänzt werden die meist Tafeln und Bilder durch Zeitzeugen und Überlebende, die auf Bildschirmen ihre beeindruckenden Geschichten erzählen.


Poesiealbum der Überlebenden Anna Rubinstajn mit Eintragungen über die Deportierten ihrer Familie. Sie selbst überlebte den Krieg, weil sie versteckt wurde.


Drei Stunden nehme ich mir Zeit, um mir dieses dunkle Kapitel deutscher Barbarei vor Augen zu führen. In der Kaserne, in der die Juden zusammengetrieben wurde, ist ein Memorial untergebracht. Ein würdiger Ort für die Trauer und ein wenig der Gedenkstätte Yad Washem nachempfunden. Das Wetter passt sich meiner Stimmung an. Ich fahre nach Hause und bin froh, mir dieses für die belgische Geschichte ziemlich wichtige Kapitel vor Augen geführt zu haben.



Die Kaserne Dossin in Mechelen


Ich finde, man muss da durch und darf nicht kneifen, auch wenn es bitter ist. Trotzdem beschleicht mich das Gefühl, dass die Menschheit aus diesen Geschichten wenig gelernt hat. Wenn Neonazis frei zur Remigration aller Nichtdeutscher Menschen aufrufen, wenn eine rechtsextreme Partie wie die AfD bei den Europawahlen im Osten durchgängig die Mehrheit gewonnen hat, wenn sich Jüdinnen und Juden in Deutschland durch immer offenen gezeigten Antisemitismus nicht mehr sicher fühlen, wenn die jungen Erstwähler mehrheitlich der AfD ihre Stimme geben, dann läuft etwas schief in unserem Land. Dem, was Jean Asselborn, ehemaliger Luxemburger Außenminister und überzeugter Europäer, sagt, kann ich nur zustimmen: „Wir dürfen jetzt den Kopf nicht in den Sand stecken.“ Das klingt nach Trotz. Jetzt erst recht kämpfen.



Im ersten Weltkrieg wurde Mechelen von den Deutschen bombardiert und historisierend weitgehend wieder aufgebaut

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