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"Hoffnung ist die wesentliche Kraft des Widerstandes"


Prof. Dr. Jürgen Moltmann zum 95.Geburtstag (8.4.2021) – eine persönliche Erinnerung an meinen Tübinger Lehrer der Theologie


"Wer auf Christus hofft, kann sich nicht mehr abfinden mit der gegebenen Wirklichkeit, sondern beginnt an ihr zu leiden, ihr zu widersprechen", schreibt Jürgen Moltmann in seinem Buch „Theologie der Hoffnung“, das er 1964 vorgelegt hat und das weltweite Verbreitung fand. Die Hoffnungsphilosophie ("Das Prinzip Hoffnung") des marxistischen Tübinger Philosophen-Kollegen Ernst Bloch hat ihn zu diesem Buch angeregt. Aber auch die Geisteskraft, die in einer lebendigen Theologie steckt und die auf gesellschaftliche Relevanz pocht. Theologie zu treiben bedeutet für Jürgen Moltmann, sich einzumischen. Seine Vorlesungen waren biblisch, kritisch, politisch und öffneten in mir neue Horizonte der Weltbegegnung und des Weltverständnisses aus der Perspektive des christlichen Glaubens. Seine Theologie der Hoffnung, aber auch die Nachfolgewerke haben mich zu beginn meines Studiums in den späten 70er Jahren geprägt. Sie erweiterte meinen Blick, denn ich fand hier eine Theologie, die nicht auf ein Jenseits vertröstet, sondern hier und jetzt wirkt. Für diesen Glauben lohnt es sich zu engagieren. Die "Theologie der Hoffnung" las ich genau zu der Zeit, als mein Vater im Alter von 54 Jahren durch eine schwere Krebserkrankung mitten aus dem aktiven Leben gerissen wurde und innerhalb eines knappen halben Jahres starb. Unvergesslich und heute noch sehr nahe ist mir, wie ich die entscheidenden Passagen des großen Werkes am Krankenbett las und sich in mir eine Kraft ausbreitete, die ich nicht anders als eine eschatologische Kraft der Hoffnung auf eine wie auch immer geartete Wiederbegegnung deuten konnte. Das zutiefst verletzte Leben, das sich dem Ende zuneigte, kontrastierte mit einer unergründlichen Hoffnung auf ein Wiedersehen. Geheimnisvoll breitete sich diese Gegenbewegung immer mehr in mir aus. Ausmalen wollte ich mir das nie, es blieb bis jetzt im Geheimnis, wie auch die biblischen Zeug*innen sehr behutsam, fast intim von ihren Begegnungen mit dem auferstandenen Christus erzählten. Aber es genügt mir bis heute, diese Kraft der Auferweckung zu spüren, eine Kraft, die mich nie wieder verlassen hat. Jürgen Moltmann hat in mir die Lust zu einer existenziellen und relevanten Theologie geweckt, die nicht vor dem Zeitgeist kapituliert, sondern sich mit geistvollen und engagierten Mitteln diensen Zeitgeist kritisch hinterfragt, ihm mit kraftvoller Sprache entgegentritt. Befeuert von einem tiefen Glauben an den kommenden Christus begibt sich Moltmanns Theologie in Zukunftsdimensionen, an denen wir jetzt schon teilhaben. Der Glaube hat weltverändernde und weltgestaltende Kraft und Relevanz im blick auf die Menschenrechte, die Klimakrise und die weltweit grassierende Ungerechtigkeit. Folgender Satz des Jubilars wurde zu einem meiner Leitsprüche: „Hoffnung ist die wesentliche Kraft des Widerstandes“. Dieser Satz aus einem Interview von 1979 beinhaltet für mich den Kern all dessen, was mir die Hoffnungstheologie in die Seele schrieb. Erst viel später, ich war bereits Pfarrer und verheiratet, kam es zu einer weiteren erstaunlichen Verbindung mit dem geschätzten Wahl-Tübinger. Jürgen Moltmann ist Hanseat, kommt aus Hamburg und wie es der Zufall will, ist er in Hamburg-Volksdorf aufgewachsen, ein paar Straßen weiter entfernt von dem Ort, an dem meine Frau mit ihrer Familie ihre Kindheit und Jugend verbrachte. Jürgen Moltmanns Schwester war mit meiner Schwiegermutter befreundet und in der Volksdorfer Evangelischen Kirchengemeinde am Rockenhof aktiv. Sie schrieb beeindruckende biblische Theaterstücke für den Kindergottesdienst, von denen auch ich in den ersten Jahren meiner praktischen Tätigkeit als Pfarrer profitieren konnte.


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