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Ein Hauch von Caspar David Friedrich in der Klosterruine Villers-La-Ville



Zu ihrer traditionellen Pfingstwanderung trafen sich Gemeindemitglieder der deutschsprachigen Evangelischen Gemeinden Brüssel und Antwerpen in Villers-sur-Ville, 40 km südlich von Brüssel. Wir machten uns nach der Andacht auf einen Rundweg, der uns die Landschaft um das Ruinenkloster erschloss, bevor wir uns im klösterlichen Bistro stärken konnten.  


Beim Zisterzienserkloster Villers-la-Ville handelt sich um ein Ruinenkloster auf beeindruckend großem Terrain, welches im Zuge der Französischen Revolution weitgehend zerstört wurde und heute als touristischer Anziehungspunkt, Naherholungsgebiet, Ort für Schauspiele, Events und Yoga-Kurse genutzt wird. Krass mutet die Bahnstrecke an, die als erste belgische Eisenbahn quasi durch das Kloster führt. Der belgische Staat hat eine Menge investiert, um den Ort in seiner morbiden Faszination zu konservieren. Und trotzdem: Beim Anblick der Ruinen steigt in mir Wehmut empor.


Die habe ich in meiner Andacht zum Ausdruck gebracht, bei der ich versucht habe, die Kunst des im Jubiläumsjahr kräftig gehypten Malers Caspar David Friedrich (1774-1840) und die Spiritualität der Zisterzienser aufeinander treffen zu lassen. Ausgesucht und verteilt an die 30-köpfige Wandergruppe habe ich ein Bild des Künstlers aus seinem späteren Wirken: „Der Träumer“ auf dem Berg Oybin. Das kleinformatige Ruinenbild vom zerstörten Kloster Oybin (Riesengebirge bei Zittau) zeigt eine schwarzgewandete männliche Person, die sich auf dem Sockel eines Kirchenfensters niedergelassen hat. Das in der Eremitage St. Petersburg ausgestellte Bild gibt eine besondere Stimmung von Melancholie wider, die einen beim Anblick von zerstörten Kirchenmauern befallen kann. Caspar David Friedrich war ein introvertierter Künstler, naturverbunden und religiös (lutherisch geprägt). Er betrachtete und malte die Natur als Spiegel menschlicher Gefühle. Sein Credo lautete: Erkennen, statt abbilden. "Nach innen", sagt Novalis, "geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft". Oder mit Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834), Zeitgenosse von CDF gesprochen: Religion ist nicht das, was eine Religionsgemeinschaft an Lehren und Moral vermittelt, sondern persönliche Empfindung, „Sinn und Geschmack für die Unendlichkeit“.

Ruinen sind für CDF Fragmente für die Vergänglichkeit des Lebens, grüne Tannen und Gipfelkreuze gelten als Verweise auf die Unendlichkeit im Himmel als Ort der Gotteserfahrung.



Wir erkunden die bezaubernde Landschaft um das Kloster


Bei den Zisterziensern handelt es sich um einen europaweit agierenden mittelalterlichen Reformorden, der nach einer Zeit klösterlichen Rückschritts neu an die Klosterideale des Benedikt von Nursia anknüpfen wollte. Gegründet wurde das erste Zisterzienserkloster im französischen Citeaux. Intellektueller Kopf der Bewegung war Bernhard von Clairvaux, der die Zisterzienser (später kam es auch zu Gründungen von Frauenklöstern) zur Blüte führte. Die zisterziensische Spiritualität ist geprägt von Gottesliebe, einfachem Lebensstil, persönlicher Authentizität, Zurückgezogenheit und Gemeinschaft. Die Mönche suchten sich abgeschiedene Orte aus, an denen sie Land urbar machten und den Eigenbedarf selbst erwirtschafteten. Auch prägten sie Kunst, Architektur (Reinheit der Form), Liturgie und Wirtschaft (Fischzucht, Pferdezucht, Obst, Weinbau, Bergbau …). Im Mittelpunkt ihrer Agenda stand das gemeinsame Chorgebet.


Ich will und kann es nicht verhehlen: Im Angesicht verfallender Klostermauern in Villers-la-Ville überkommt mich eine gewisse Trauer über diesen Niedergang, über die der Träumer von Caspar David Friedrich möglicherweise nachsinnt. Auch die schönste Illustration und auch nicht der Versuch ein so beeindruckendes Gelände durch Konzerte, Picknick, Events zu bespielen, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier eine stilprägende europäische Kultur abgebrochen ist.

In der Communauté de Taizé in Burgund treffen sich junge Menschen aus aller Welt zu Begegnung, Austausch und Gebet. Hier wird klösterliche Gemeinschaft gelebt. Ein weiteres Beispiel ist das ehemalige Zisterzienserkloster in Lehnin bei Potsdam. Im Umfeld mittelalterlicher, recht gut erhaltener Klostermauern haben sich diakonische Einrichtungen, Fachkliniken, ein Hospiz, Betreuungseinrichtungen angesiedelt. Die tägliche Morgenbesinnung lädt zum geistlichen Tagesbeginn ein.


Gebet (aus der zisterziensischen Tradition)

 

Du Gott des Weges, segne uns, wenn wir dein Rufen vernehmen, wenn dein Geist und ermuntert zum Aufbrechen und Weitergehen. Du Gott des Weges, begleite und behüte uns, wenn wir aus dem Alltag ausbrechen, uns verabschieden von Tagesgewohnheit, wenn wir festgetretene Pfade verlassen und neue Wege wagen.

Du Gott des Weges, wende uns dein Antlitz zu, wenn wir zagen und mutlos werden, wenn uns die Kräfte verlassen, uns Schmerzen plagen, wenn wir Umwege gehen müssen und Orientierung suchen.

Du Gott des Weges, mach uns aufmerksam, wenn wir Menschen begegnen, wenn die Sonne uns wärmt, und Blumen am Wegrand blühen, wenn Wasser uns erfrischt und die Sterne leuchten auf dem Weg durch das Leben.


Ein Hauch von Caspar David Friedrich umweht mich in Villers-sur-Ville

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