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Ein christlicher Blick auf die Europawahl am 6.-9.6.2024



Eingangsstatement Veranstaltung Emmausgemeinde Brüssel 17.4.2024


v.l.n.r.

Moderator: Michael Kuhn, Ständiger Diakon St. Paulus

Katrin Hatzinger, Oberkirchenrätin und Leiterin des EKD-Büros Brüssel

Jonathan Barth, Mitbegründer und Policy Director, ZOE Institut

Hanna Adzakpah, Juristische Referentin Deutscher Caritasverband, Büro Brüssel

Jonathan Barth, Mitgründer und Policy Director, ZOE Institut

Robert Scharf, Gemeindemitglied, Jungwähler


«Was hat Europa mit uns als Christen zu tun? – Die Europawahl 2024»


Kleine Vorbemerkung

Es ist wertvoll, dass es in Europa Orte wie Kirchen und Gemeindezentren gibt. Der Raum, in dem wir uns momentan befinden, bildet die europäische Vision als Wertegemeinschaft im Kleinen ab. Eine offene, einladende, intergenerationale internationale Gemeinde, die Ermöglichungsräume ohne Glaubensnötigung schafft. Wir fördern solche Räume durch unsere Präsenz und schaffen Begegnung der Verschiedenen. Hier wird gesungen, gehört, gebetet, gestritten, getrauert, gelobt, geklagt, bezweifelt, musiziert, geweint, gefeiert, diskutiert, kritisiert. Nichts Menschliches ist diesem Ort fremd. Ein Erprobungs- und Ermöglichungsraum, in dem wir offen reden können. Dazu möchte ich ausdrücklich ermutigen.


Weltgestaltung aus Glaubensressourcen


Als Christinnen und Christen gestalten wir die Welt und Europa aus den Ressourcen unseres Glaubens. Unser innerer Antrieb ist das Evangelium, aus dem wir Lebensenergie und Hoffnungsimpulse schöpfen. Die Heilige Schrift ist reichhaltige, vielseitige und immer wieder neu inspirierende Quelle von Hoffnung und Erkenntnis. Grundlegend ist die Beschäftigung mit den Texten und Kontexten der jüdisch-christlichen Tradition und ihre. Wissenschaftliche Vertiefung dient dem Erkenntnisgewinn und der Horizonterweiterung. Die Seligpreisungen der Bergpredigt, wie viele andere Texte der Bibel weisen visionär in die Zukunft, entfalten aber ihre Kraft im Hier und Jetzt.


Im persönlichen Glauben und in der christlichen Theologie drückt sich grundsätzlich eine Vorstellung von der menschlichen Person aus, deren Würde unantastbar und auch unverhandelbar ist, weil sie in der Gottebenbildlichkeit ihren Ursprung hat. Gottebenbildlichkeit ist unser ethischer Handlungsmaßstab und schließt jegliche Menschenverachtung aus. Populistischen Ideologien, die ihre Politik auf Ausgrenzung, Hetze und Hass gegenüber Fremden und auf Kosten von Minderheiten betreiben, sind aus der Mitte des christlichen Menschenverständnisses heraus entschieden entgegenzutreten. 


Aus diesem Grundverständnis heraus geht es darum, die Dimensionen von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung wachzuhalten. Dazu muss die Theologie selbstkritische und ehrliche Beiträge leisten, und sich darin auch im Diskurs weiterentwickeln, wenn sie ernst genommen werden will.

Wie sinnlich ausgezehrt wäre Europa, wie seelisch verarmt, wenn es nicht in allen europäischen Staaten beeindruckende Beispiele christlicher Kultur gäbe. Es wurde gebaut, gemalt, gedichtet, komponiert, um die Seele zu erheben. Um Menschen Mut zu machen (man denke nur an die Notre Dame und die Diskussionen, die um ihren Wiederaufbau nach der Brandkatastrophe vor ziemlich genau fünf Jahren geführt wurde. Das ist mit dem Bauwerk allein nicht zu erklären). Europa ist eine geistige Dimension. Es geht um nicht weniger als um die Seele Europas. Eine Seele ist mit monetären Kategorien nicht zu fassen. Wir Christinnen und Christen behaupten trotzig, dass nicht Geld die Welt regiert. Wir richten unsere Gebete in diesem Haus nicht an den Mammon, sondern an den Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat und der uns in Christus eine Hoffnung geschenkt hat, die den Tod übersteigt. Eine unerschütterliche Hoffnungstheologie begleitet mich dabei immer noch …


Einbettung in den kulturellen Raum Europas


Im Alltag, auch im politischen Alltag vollzieht sich Christsein in der Begegnung, im Diskurs, im Streben nach Lösungen. Kurz: Christsein dient dem Leben. Leere Parolen und Kopfgeburten sind nicht hilfreich. Alles muss dem Leben dienen. Wir wollen verantwortlich das europäische Haus mitgestalten. Dazu ist es notwendig, unser Verhältnis zum antiken Erbe ebenso wie die jüdischen und islamischen Einwirkungen auf die europäische Entwicklung ins Auge zu fassen und daraus zu lernen. Das hilft für den interreligiösen und interkulturellen Diskurs. Europa ist gebaut auf reichem kulturellem Erbe. Wir haben in Europa einen großen, auch spirituellen Schatz, auf den wir bauen können.

Das Christentum ist aus dem Judentum hervorgegangen; die Bibel der Christen schließt die Hebräische Bibel ein. Jesus, Petrus und Paulus – um nur diese drei zu nennen – waren Juden. Wann immer das Christentum sich von seinen jüdischen Wurzeln emanzipieren wollte, hatte das schreckliche Folgen. Für die Zukunft hat deshalb nur ein Christentum Berechtigung, das sich seiner Herkunft aus dem Judentum bewusst ist. Eine solche Bewusstseinsbildung wehrt dem Antisemitismus. Darum halte ich die Bewegung, die sich der antisemitismuskritischen Bibelarbeit verschrieben hat, für absolut notwendig. Denn sie hinterfragt Stereotypen von Antisemitismus, die wir aus unserer Tradition locker tradieren und uns dessen oft gar nicht bewusst sind.


Forderungen


In der inhaltlichen Gestaltung der Gottebenbildlichkeit - unantastbare Menschenwürde


  • Menschenrechte liegt für mich die ethische Mitte dessen, was ich als Christ für Europa erhoffe und erwarte. Die Frage nach den Standards eines gemeinsamen europäischen Asylrechts. Dass in dem gefundenen Asylkompromiss die Würde der Menschen angetastet wird, ist meine Befürchtung und wäre aus christlichem Verständnis heraus nicht akzeptabel.

  • Der gemeinsame Widerstand gegen Denkweisen, die Minderheiten diskriminieren und Fremde ausgrenzen, die Gewalt verharmlosen oder selbst ausüben, ist eine wichtige Dimension einer europäischen Wertegemeinschaft. Jeglichem Ansatz von Remigrationsphantasien muss energisch widerstanden werden. Der Schutz von Menschenleben auch auf den Weltmeeren ist unverhandelbar.

  • Europa kann es sich im Innern nicht leisten, mit einer wachsenden Kluft zwischen Reich und Arm zu leben. Europa muss dazu beitragen, dass die ärmeren Regionen der Erde faire Chancen erhalten. „Europe first“ kann nicht unser Leitgedanke sein.

  • Europa muss nicht nur im Innern einen Umgang mit den natürlichen Ressourcen anstreben, der mit dem Gebot der Nachhaltigkeit vereinbar ist; es muss den eigenen Ressourcenverbrauch auch daran messen, welche ökologischen Folgen ein vergleichbarer Ressourcenverbrauch in anderen Weltgegenden nach sich zieht. Dazu gehört für mich eine kritische und ehrliche Bestandsaufnahme unserer Gewohnheiten und unseres Lebensstils.


 

 

 

 

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