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Christusgesinnung

Aktualisiert: März 27

Auf den Tag genau heute (22.3.2020) vor 50 Jahren wurde ich in der St. Barbarakirche Tübingen-Unterjesingen konfirmiert.

Rückblickend beschreibe ich meine wenig erbauliche Konfirmandenzeit und was mir mein Konfirmationsspruch in der Zeit der Corona-Krise bedeutet.


Nach dem festlichen Einzug unter den Klängen des Musikvereins stellen sich mit mir an die 20 festlich gekleidete Jugendliche im Chor der kleinen Dorfkirche St. Barbara im Halbkreis auf. Der Musikverein spielt “Lobet den Herren“ und die volle Kirche stimmt stehend ein. Der Pfarrer tritt an den Altar. Er spricht das Eingangswort und die festliche Gemeinde nimmt Platz. Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Er kommt aus dem Nachbardorf und hat kurzfristig die Endphase der Vorbereitungen und die Feier des festlichen Gottesdienstes übernommen. Vor dem festlichen Ereignis hatte sich unser Gemeindepfarrer in den Ruhestand verabschiedet. Also nun mit dem Neuen, von dem ich als knapp 14-jähriger nicht den Eindruck gewann, er würde gerne machen, was er da tut. Es bleibt mir von ihm nur die Erinnerung an den abrupten Abbruch unserer Konfirmandenfreizeit. So entfaltete sich der Tag voller Anspannung: Gottesdienst. Spruch aufsagen. Familienfest. Es ging für uns Jungs und Mädchen darum, möglichst schnell alles hinter uns zu bringen und sich der Familienfeier – was ja auch eine besondere Herausforderung darstellt – hinzugeben. Die Konfirmandenzeit wie der Abschlussgottesdienst war für mich nichts als eine Zwangsveranstaltung. Das Drama, für mich nach unzählig vielen vergeblichen Versuchen endlich einen halbwegs passenden Anzug zu finden, in den man mich reinsteckte, mag als Nebensächlichkeit erscheinen. Das war es für mich aber ganz und gar nicht. Alles Schönreden half nicht. Ich fühlte mich während der gesamten Veranstaltung wie in einer Zwangsjacke. Von der Predigt weiß ich kein einziges Wort. Ich habe mein Sprüchlein ohne Stolperer über die Lippen bekommen. Auswendig, denn Spickzettel war verboten. Am Ende des Gottesdienstes gab es noch den Segen, ein tiefes Durchatmen und eine Urkunde mit einem Spruch, überreicht von dem Vertretungspfarrer, den wir anschließend nicht wieder zu Gesicht bekamen. Eine Beziehung war nicht zustande gekommen. Und auch sonst gab es wenig, was diesen Tag in besonderer Weise auszeichnete.

Meine Konfirmandenzeit bestand aus einer Paukerei sinnentleerter Sprüche, aus Frontalunterricht in einem muffigen Gemeindehaus. Mittwochnachmittags zwei lange Stunden. Ein Jahr. Das 40-seitige hellgrüne „Fragenbüchlein für den Konfirmandenunterricht als Auszug aus dem Konfirmationsbuch der Evang. Landeskirche in Württemberg Ausgabe 1952“ diente dabei als Arbeitsgrundlage. Es wurde uns zu Beginn des Unterrichts ausgehändigt.






Leider gab es überhaupt nichts, was den Unterricht aufgelockert hätte. Kein Film, kein Spiel, kein Ausflug. Wir wurden nicht angeregt, uns mit den Texten auseinanderzusetzen, die uns als Hausaufgabe zum Memorieren aufgegeben wurden. Im Grunde hatten wir alles zu schlucken. Pädagogisch ist alles verschenkt worden. In meiner Erinnerung hat unser Pfarrer eigentlich nur vorgelesen und abgefragt. Und gedroht: „Wenn ihr nicht lernt, werdet ihr nicht konfirmiert …“ Auch das Liedgut, das uns vermittelt werden sollte, riss uns nicht vom Sockel. In einer Zeit von Woodstock, den Beatles und den Rolling Stones zogen auch die ersten Ansätze moderner Musik in die Kirchen ein. Nichts davon tauchte im Unterricht auf. Die alten Kirchenlieder haben unser Herz nicht erreicht. Vermittelt wurde auch sonst nur der reine Ernst (so lautete sinnigerweise auch der Vorname unseres Pfarrers) und jeder Spaß hatte ein Loch. Motivation und Freude am Evangelium geht anders. Es kam noch die Gottesdienstpflicht dazu. Davon will ich aber gar nicht reden. Gähnende Langweile und ein äußerst selten nach dem Gottesdienst gefeiertes Abendmahl, bei dem jede Trauerfeier hätte mithalten können. Das Vorbereitungsjahr für den großen Festgottesdienst am 22.März 1970 bot alle klassischen Kriterien, Jugendliche möglichst schnell aus der Kirche „hinaus zu konfirmieren“. Hinaus konfirmieren, nicht als ein „Festmachen“ und „Bestätigen“ (was Konfirmation vom Wortsinn her bedeutet) für das Leben als Christ/als Christin in der Welt, sondern als Hinauskonfirmieren aus dem Raum der Kirche und ein Verabschieden von Kirche, begleitet von all den negativen Emotionen, die sich mit einer verstaubten Kirche verbinden. Wenn mal das Kind in den Brunnen gefallen ist, wie schwer ist es dann, wieder herauszukommen. Die Kirche hat auf mich damals alles andere als einen positiven Eindruck hinterlassen. Und trotzdem – oder gerade deswegen? – habe ich Theologie studiert.

Und heute, im Rückblick, nach 50 Jahren? Mittlerweile übe ich selbst seit über 38 Jahren den Pfarrberuf aus. Voraus ging ein Studium von fast sieben Jahren. Ich habe mir natürlich vorgenommen, alles besser zu machen. Ist mir aber nicht gelungen. Musste auch mit wenig motivierbaren Jugendlichen kämpfen. Und von den von mir Konfirmierten warfen wenige zu einem nachhaltigen Engagement für die Kirche zu bewegen. Heute bin ich barmherziger und milder im Urteil. Das Desaster mit der Konfirmandenzeit war nicht alles, was ich von Kirche erlebt habe. Es folgten positive wie negative Episoden. Vielleicht tue ich meinem damaligen Konfirmationspfarrer auch unrecht. Er hatte sich alle Mühe gegeben, konnte es nicht besser und wahrscheinlich hat er auch darunter gelitten, wie so viele Kolleg*innen, die auch heute noch den Unterricht in Kirche und Schule als die größte Herausforderung ihrer beruflichen Existenz ansehen. Manche zerbrechen regelrecht daran.

Noch heute „ziert“ das hellgrüne, vom vielen Gebrauch mit ängstlich-verschwitzten Fingern abgegriffene Büchlein mein Bücherregal. Ich bewahre es als ein Dokument meines Lebens auf. Der Inhalt ist ja nicht schlecht, aber die Vermittlung zeigte viel Luft nach oben. Gottseidank hat zu mir mein Konfirmationsspruch gesprochen, so dass ich einigermaßen versöhnt aus der Phase hervorgehen konnte. Die Christusgesinnung hat mir geholfen, der Theologie auf die Spur zu kommen.

Das Konfirmandenbüchlein habe ich bewahrt, als Zeugnis einer Lebensphase. Und als Dokument der Mahnung, den christlichen Glauben verständlich nahezubringen und nicht durch Auswendiglernen und Abspulen von dogmatischen Richtigkeiten. Gewiss gehört eine Grundlage des religiösen Wissens konstitutiv zum christlichen Leben. Und es ist auch, gut, dieses Wissen auch zu internalisieren, andernfalls glaube ich am Ende alles, was mir vorgesetzt wird. Aber bitte nicht durch Drill, sondern „par coeur“, wie die Franzosen sagen. Mit dem Herzen. Inwendig.


Entfaltungskraft


Nun möchte ich mich meiner Konfirmationsurkunde zuwenden, auf die ich wirklich stolz bin. Sie hatte etwas Modernes im Gegensatz zum gesamten Unterricht. Eine großformatige Klappkarte mit dem Motiv des bekannten Isenheimer Altars und meinem Konfirmationsspruch:


Jeder sei gesinnt, wie Christus auch war (Philipper 2,5)







Für mich wohnt diesem biblischen Spruch eine Entfaltungskraft inne, die mir gerade in diesen wenig erbaulichen Zeiten zeigt, was besonders zählt. Wenn ich höre, dass behauptet wird, die Virusinfektion sei von Gott geschickt worden, um uns für unseren Lebensstil zu bestrafen, dann ist das keine Christusgesinnung, sondern Eiseskälte und Boshaftigkeit, ja Gotteslästerung. Gott als Moralinstanz, daran hat schon Hiob gezweifelt und durch Gott recht bekommen. Was wäre das für ein kleiner Gott, der allen Ernstes will, dass so viele tausende betagte Menschen sterben? Für so einen Gott würde ich nie und nimmer einen Dienst übernehmen. Die Konsequenz für dieses pandemische Leiden kann für mich als Christ nur sein: Solidarität und Mitgefühl mit den Betroffenen und Unterstützung aller Kräfte, die sich mit hohem Einsatz um Menschenleben bemühen.


Abständigkeit


Aber seien wir doch ehrlich: auch Christ*innen haben Angst, auch Christ*innen können nicht sagen, wie sich die Pandemie weiterentwickelt und wie sie damit klarkommen. Christusgesinnung ist noch kein Impfschutz. Mir ist in diesen Corona-Zeiten besonders wichtig, an das anzuknüpfen, was uns als Christ*innen hilft, Herausforderungen zu bewältigen. Was wir als Christ*innen aber spüren ist das, was uns durch den Glauben geschenkt ist. Das ist tief in uns als innere Haltung verankert. Und nur die können wir authentisch vertreten. Alles Angelernte, alle Lippenbekenntnisse, auch Dogmatismen wirken nicht, wenn sie nicht in unserer Erfahrung fundiert sind. Religiöse Erfahrung kann ich mir nicht durch Auswendiglernen erarbeiten. Die setzt sich zusammen aus vielen Komponenten. Die wichtigste Komponente ist für mich das Vertrauen. Das Vertrauen, dass wir auch diese Krise in den Griff bekommen, wenn wir zusammenstehen (wobei dies in dieser Situation symbolisch zu verstehen ist). Abstandhalten ist das neue Zusammenstehen. Mir helfen dabei die in der Bibel aufgezeichneten Verhaltensweisen der Solidarität und Empathie. Jesu beispielhaftes Leben für mit den Menschen, seine annehmende Grundhaltung, seine heilende Zuwendung zu den an Leib und Seele Erkrankten, seine liebende Nähe zu den Ausgegrenzten, sein undogmatisches Handeln in aporetischen Situationen: all das sind Bausteine einer Christusgesinnung, die gerade in diesen schwierigen Zeiten eine große Entfaltungskraft haben können. Was mir einmal in einer Krise als Bewältigungsstrategie geholfen hat, daran kann ich auch unter anderen Herausforderungen andocken.


Solidarität


Ich komme jetzt nochmal auf meine Konfirmationsurkunde zurück und auf die Illustration mit einem Bild vom sogenannten Isenheimer Altar. Der Künstler Matthias Grünewald hat den gekreuzigten Christus dargestellt wie kein anderer vor und nach ihm. Kein Blick kann diesem gekrümmten, schmerzgeplagten Christus standhalten. Er trägt die Symptome des Antoniusfeuers, einer Krankheit, die durch Mutterkorn, einen Getreidepilz, verursacht wird und die sich im Mittelalter epidemisch ausgebreitet hat. Sehr viele Menschen sind dieser pestartigen, schmerzhaften Krankheit zum Opfer gefallen. Mönche des Ordens der Antoniter haben es sich zur Aufgabe gemacht, die am Antoniusfeuer leidenden Menschen aufzunehmen und zu pflegen. Ursprünglich stand dieser Altarkomplex in Isenheim, einer Niederlassung der Antoniter. Die Betrachtung dieses Altars sollte den Kranken vor Augen führen, dass Christus selbst ihr Leiden auf seinem Körper trägt und so ganz einer der ihren ist. Aus der Betrachtung des befallen Körpers Jesu sollten die Kranken Kraft schöpfen, da sie hier einen solidarischen Christus erfahren, der nicht über dem Leiden steht, sondern das Leiden - ihr Leiden - am eigenen Körper trägt und erträgt. Solidarität und Empathie sind besonders gefragt, wenn es um die Menschen geht, denen die Corona-Epidemie besonders zusetzt, den Risikogruppen, den Alten und Schwachen. Christusgesinnung zeigt sich dadurch, dass sie sich den Schwachen zuwendet. Solidarität und Empathie sind auch den Mitarbeitenden in den Krankenhäusern und Pflegeheimen gegenüber die Christusgesinnung, den Verantwortlichen in den Krisenstäben, in der Regierung und nicht zuletzt gegenüber den Forscherteams, die fieberhaft an einem Impfstoff gegen das Virus arbeiten.


Wertschätzung


Niemand weiß, wie wir aus der momentanen Krise hervorgehen werden. Ich möchte jetzt nicht das abgedroschene Bonmot, dass jeder Krise eine Chance innewohnt, bemühen. So einfach ist es nicht, zumal wir noch mitten im Geschehen stehen und niemand sagen kann, wie es weitergeht. Meine feste Überzeugung ist aber: Wir werden gestärkt aus der Krise hervorgehen. Als Kirche, als Gesellschaft, als Einzelne/r. Ich hoffe, dass wir uns bereits jetzt während der neuen auferlegten Abständigkeit in eine neue Wertschätzung einüben können und den Wert der Begegnung, die uns jetzt in ihren eingeübten Formen versagt bleibt, neu erkennen. Verändern wird sich unsere Gesellschaft allemal. Die noch nie da gewesenen massiven Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte werden uns neu justieren. Liebgewordene Dinge, die wir lange als selbstverständlich betrachtet haben, werden wir neu bewerten müssen, z.B. unseren Lebensstil, unsere Reisen und unser Getriebensein. Manches werden wir herunterschrauben müssen und andere Prioritäten sind angesagt. Es wird auch eine neue Ruhe einkehren. Es ist genug, da zu sein und man fühlt plötzlich neu, dass man auch mit wenig lebt. Von manchem werden wir uns trennen müssen und vielleicht sogar freiwillig trennen wollen, weil es für ein Leben nach dem Virus nicht mehr zielführend ist. Wir werden uns noch mehr mit neuen Formen der modernen Kommunikation auseinandersetzen müssen und vielleicht wieder das gute alte Briefpapier aus der Schublade hervorkramen und persönliche Briefe schreiben. Es wird eine neue Sehnsucht nach Nähe geben, aber anders und vielleicht bewusster und wir werden uns nicht durch Floskeln und Phrasen abspeisen lassen. Mein Wunsch ist, dass wir im Modus der Christusgesinnung unsere Zukunft jetzt schon vorwegnehmen, zwar abständig, aber solidarisch und empathisch, in jedem Fall wertschätzend. Denn was uns durch Worte, Geschichten, Begegnungen, Erlebnisse und Erfahrungen geprägt hat, zeigt sich in unserer inneren Haltung. Und die ist im Kontext der Christusgesinnung das, was uns mit Christus verbindet. Das können wir leben und andere daran teilhaben lassen. Sicher nicht aufdringlich, aber durchaus entschieden und bestimmt. Im Moment können wir das nicht durch unsere klassischen Formen wie Gottesdienst, Chorgesang, gemeinsamem Gebet, kulturellen Veranstaltungen ausdrücken. Mit dem Einüben von neuen Kommunikationsformen sind wir endlich in der Moderne angekommen. Bereiten wir uns auf die neue Zeit nach dem Virus vor, indem wir hier und jetzt kreativ an einer Kirche der Zukunft arbeiten. Ich vermute, dass uns dies gar nicht so schwerfallen wird, denn es tut gut, Verzicht zu üben um Wertvolles neu zu gewinnen und schätzen zu lernen.

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