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Themengottesdienst der Kulturkirche Weissenau

Aktualisiert: Nov 1



Kulturkirche zu Gast im Festsaal: Im Unterschied zu allen anderen Veranstaltungen im diesjährigen Veranstaltungsprogramm konnte der Gottesdienst gefeiert werden.


Die Bedeutung des Judentums für die christliche Identität

Themengottesdienst mit Prälatin Gabriele Wulz

Predigt beim Themengottesdienst der Kulturkirche Weissenau am 1. 11. 2020 im Festsaal Weissenau über Römer 9, 1-5

Beim Thema Israel, liebe Gemeinde, geht es für Paulus ums Ganze.

Und wenn es um Israel geht, dann steht für den Apostel alles auf dem Spiel.

Mit Israel steht Gott selbst auf dem Spiel.

Wie das? Werden sie vielleicht fragen. Warum diese Unbedingtheit? Woher diese Leidenschaft?

Wie kommt es, dass Paulus, der doch sagt, nichts und niemand könne ihn von der Liebe Gottes trennen, nun sagt: „Ich selber wünschte, verflucht zu sein und von Christus getrennt zu sein für meine Geschwister, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch.“? Paulus wäre also bereit, sein eigenes Heil dahinzugeben, wenn er damit der „Nein“ Israels zu Christus in ein „Ja“ verwandeln könnte.

Etwas weniger heftig, möchte ich Paulus zurufen. Schalt lieber mal einen Gang zurück.

Aber ich weiß auch: Wenn es um Israel geht, wird`s bis heute sehr schnell sehr heftig – und Gott sei`s geklagt: auch hasserfüllt, giftig und gemein --- und weithin blind gegenüber eigenen Vorurteilen.

Und neben vielen anderen Risiken und Nebenwirkungen hat die Corona-Pandemie auch die alte, längst überwunden geglaubte Judenfeindschaft wiederaufleben lassen. So – als hätten wir nichts gelernt und nichts verstanden.

Mir wird immer klarer:

Der Antisemitismus ist unserer Kultur, auch unserer christlichen Identität so fest eingeschrieben, dass es uns meistens nicht bewusst ist und wir`s nicht merken. Vor den schlimmsten Auswüchsen der Gewalt gegenüber jüdischen Menschen, jüdischen Gemeinden und auch gegenüber Israel erschrecken für einen Moment. Aber dann geht`s weiter …

Der Antisemitismus ist nicht erst jetzt in der Mittel unserer Gesellschaft angekommen. Er war schon immer da. Man hat nur nicht darüber gesprochen.

Paulus, liebe Gemeinde, hat das nicht wissen können.

Er hat nicht ahnen können, wie schnell sich der Zweig über die Wurzel erheben würde und wie schnell er sich gänzlich von der Wurzel abgeschnitten hat. So als sei nur das christlich, was auf keinen Fall jüdisch ist. Was für ein Wahnsinn.

Wo doch Jesus selbst – wie es Martin Luther, dessen Judenhass einen erschauern lässt – ein geborener Jude war.

Natürlich war Paulus davon überzeugt – und zwar ohne jedes Wenn und Aber, dass mit der Auferweckung Christi von den Toten die Neuschöpfung aller Dinge begonnen hat. Und dass, wer in Christus ist, eine neue Kreatur ist. Und mit aller ihm zur Verfügung stehenden Leidenschaft hat er diese Botschaft in die Völkerwelt getragen.

In Christus durch die Taufe verbunden so hat Paulus die Welt gesehen, und deshalb sind die Trennungen aufgehoben. Und das Unversöhnte ist versöhnt, und es gibt keine Feindschaft mehr: keine Feindschaft gegen Gott, aber auch keine Feindschaft unter den Menschen. Denn in Christus sind wir eins – Juden und Griechen, Männer und Frauen, Sklaven und Herren.

Und fast so, als ob Paulus es geahnt hätte, dass es eine Kirche geben könnte, die über ihre Wurzeln nichts mehr weiß, hat er in seinem Brief an die Römer drei Kapitel geschrieben, die die bleibende Erwählung Israels und den ungekündigten Bund Gottes mit Israel zum Thema haben.

Am Anfang dieses Nachdenkens stehen die Verse unseres heutigen Predigttextes: Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht …

Und dann zählt Paulus auf, was zu Israel gehört und was ihm niemand wegnehmen kann.

Denn Israel bleibt Israel. Weil Gott selbst das will – und weil Gott selbst das jüdische Nein in der Welt haben will.

Feinde sind sie – sagt Paulus wenig später. Feinde um unseretwillen – uns zugut.

Israel bleibt Israel. Denn Gott ist nicht von seinem Volk geschieden, und deshalb gehört Israel auch weiterhin die Kindschaft, die Herrlichkeit, die Bundesschlüsse und Weisungen. Israel gehört der Gottesdienst und die Verheißungen, die Väter und Mütter, und der Christus, der Messias, nach dem Fleisch.

Israel gehört die Kindschaft. Das heißt: Die Kinder Israels sind Söhne und Töchter des einen, des lebendigen Gottes. Sie sind es schon. Sie werden es nicht erst durch die Taufe. Franz Rosenzweig sagte nach einem langen inneren Weg des Ringens, ob er sich taufen lassen solle, am Ende: Als Jude wird man geboren. Christ wird man durch die Taufe. Zwei Wege zu dem einen Gott.

Israel gehört die Herrlichkeit. Damit ist gemeint, dass Israel die Herrlichkeit Gottes gesehen hat: am Schilfmeer, am Sinai – als Wolkensäule und Feuerschein. Als Lichtglanz, der im Tempel Wohnung genommen hat.

Israel gehören die Bundesschlüsse. Nicht nur der eine Bund mit Abraham und dem sichtbaren Zeichen der Beschneidung. Sondern auch der Bund am Sinai – mit den Weisungen für freie Menschen. Auf diesen Bundesschluss antwortet Israel dreimal am Tag mit dem Schma Jisrael, dem „Höre Israel“, der Herr ist unser Gott, der Herr allein und du sollst den Herrn, deinen Gott lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft. Und schließlich gehört zu den Bundesschlüssen auch der Bund, den Gott mit dem König David geschlossen hat. Weil aus seinem Haus, aus der Wurzel Jesse, der König aller Könige kommen wird.

Israel gehört das Gesetz. Besser: die Tora. Die Weisungen Gottes zum Leben. Und die, die über dieser Weisung Tag und Nacht sinnen, die sind wie Bäume gepflanzt an den Wasserbächen. Wer die Weisungen Gottes bewahrt und hält und tut, der wird leben.

Israel gehört der Gottesdienst. Das Gebet. Die Psalmen. Die Nachtherbergen für Wegwunden in der Gottesferne. Israel gehört die Klage – des einzelnen und des Volkes, der Dank und das Lob. „Der Heilige Israels thront über den Lobgesängen seines Volkes“, so heißt es im Psalm 22. Und wir bis heute sagen Halleluja und Amen.

Israel gehören die Verheißungen, die Gott den Vätern zugeschworen hat. Nachkommen vor allem. Land. Einen Namen und Beistand – ich werde da sein als der ich da sein werde. So bindet Gott seine Geschichte an die seines Volkes.

Die Väter gehören Israel. Abraham. Isaak und Jakob. Und wir wollen die Mütter nicht vergessen: Sara, Rebekka, Lea und Rahel. Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. Und in dir sollen gesegnet sein alle Geschlechter auf Erden – das ist der rote Faden, der sich durch all die Wirrungen der Väter und Mütter Israels zieht.

Und am Ende dieser Reihe – als Höhepunkt: Und aus ihnen kommt Christus. Dem Fleische nach. Ecce homo – seht, den Menschen – ein Jude, gesandt zu den Völkern, der Knecht Gottes, der Recht und Gerechtigkeit, Licht und Wahrheit in die Welt bringt.

Was könnten wir, liebe Gemeinde, Israel sagen, was es nicht schon längst wüsste? Was könnten wir ihm bringen, was es nicht schon längst kennt?

Nichts. Und deshalb: Haltet euch nicht selbst für klug, sondern achtet Israel als die Wurzel, die euch trägt – und seht in Israel das Zeichen für Gottes Treue.

Ganz Israel wird gerettet werden.

Liebe Gemeinde,

nach dem Holocaust, nach der Shoah will einem der Atem bei solchen Worten stocken.

Aber Paulus beharrt und sagt: Gottes Wege sind unerforschlich. Unser Verstand kann Gott nicht ergründen und nicht fassen.

Und dennoch ist Gott da.

Und zu ihm und vor ihn bringen wir unser Gebet, unsere Klage, unseren Dank und unsere Bitte.

So feiern wir Gottesdienst.

Oft nicht wirklich sicher, ob trägt und hält, was wir hoffen und glauben ….

Wir wissen ja, dass sich Menschen einander das Furchtbarste antun können und aus dem Besten das Schlimmste machen können. In ihrem Kämpfen mit sich und gegen Gott.

Aber Gott will, dass diese Welt gerettet wird.

Deshalb hat er seinen Sohn in die Welt gesandt. Nicht um zu vernichten. Sondern um zu retten.

Amen

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