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Interview für den Gemeindebrief



Neben dem "grauen Bus", dem Denkmal für die Opfer der sogenannten Euthanasie. 691 psychisch kranke Menschen aus Weissenau wurden 1940/1941 in elf Transporten nach Grafeneck und Hadamar gebracht und ermordet)

1. Wie geht es Ihnen in diesen Zeiten der Corona-Pandemie?

Am Anfang ging’s mir gar nicht gut. Ich musste selbst für zwei Wochen in Quarantäne, weil ich aus einem Risikogebiet zurückkam. Dass Seelsorge kaum noch möglich war, das wurde geradezu zu einer Existenzfrage. Keine Gottesdienste und kein Schulunterricht, das war hart. Ich habe dann meine Betrachtungen zum Sonntag auf meiner Homepage veröffentlicht und die Texte ausgelegt.

Das gut eingeführte freitägliche Kirchencafé, die Reihe Kulturkirche, das alles konnte mehr nicht stattfinden. Dabei hatte ich eine große Reihe zum Thema Antisemitismus geplant. Seit Mai hat es sich wieder etwas eingespielt.

2. Ist es nicht gerade als Krankenhauspfarrer und im Umgang mit psychisch Kranken besonders schwer, die Distanz zu wahren?

Dass ich zunächst die Menschen in den drei Fachpflegeheimen des ZfP Südwürttemberg/Weissenau nicht mehr persönlich besuchen konnte, das war hart. Dort halte ich normalerweise jede Woche einen Gottesdienst. Bis jetzt ist das gemeinsame Singen nicht mehr möglich. Dabei bin ich normalerweise mit der Gitarre auf die Stationen gegangen. Bisweilen konnte ich in der Seelsorge auf gemeinsame Spaziergänge ausweichen.

In der Schule wurde ich als über 60-Jähriger als Risikoperson eingeschätzt. Erst nach einigen Wochen konnte ich wieder unterrichten. Das war eine schwierige Situation, das hat mich geradezu erschüttert.

3. Wo unterrichten Sie?

An der Krankenhausschule und der Krankenpflegeschule. In der Krankenhausschule biete ich u.a. unter dem Motto "Talk with Schäfer“ Religionsunterricht auf freiwilliger Basis. Es geht mir darum, seelisch verletzte junge Menschen in kritischen Lebenssituation zu erreichen, sie zu begleiten, ihnen bei der Sinnsuche zu helfen. Was ich da in 20 Jahren erlebt habe, damit könnte ich Bücher füllen.

4. Was hat Sie veranlasst, evangelische Theologie zu studieren und Pfarrer zu

werden?

Ich stamme aus einem christlichen Elternhaus und habe mich schon in der Schulzeit für religiöse Themen interessiert. Das Theologiestudium erschließt einem die Welt. Nebenher habe ich mich noch in der Gemeinde engagiert und im Krankenhaus gearbeitet, auch um mein Studium zu finanzieren.

5. War die Stelle als Krankenhauspfarrer in der Psychiatrie ein besonderer Wunsch von Ihnen? Oder hat sich das zufällig so ergeben?

Zunächst wollte ich nach der Station als Pfarrer im idyllischen Wälde-Winterbach noch eine neue Aufgabe, aber hier im Kirchenbezirk bleiben. 1994 wurde ich auf die Stelle in Weissenau gewählt. Es war eine herausfordernde Erfahrung. Zwar hatte ich schon vom Studium her eine Ausbildung in klinischer Seelsorge, habe mich dann aber noch berufsbegleitend in Gesprächspsychotherapie fortgebildet. Unter anderem habe ich die Vorlesungen in der Weissenau besucht, die für die Studenten der Uni Ulm angeboten werden.

6. Vor einigen Jahren haben Sie sich von Ihrer Pfarrstelle in Weissenau verabschiedet und sind dann wieder zurückgekommen? Was hat Sie dazu veranlasst? Dann war da plötzlich ein Dr.-Titel vor Ihrem Namen. Haben Sie im fortgeschrittenen Alter noch promoviert?

Nach bald 20 Jahre als Krankenhauspfarrer wollte ich für meine letzte berufliche Wegstrecke nochmal eine neue Herausforderung. Die meinte ich, als Landespolizeipfarrer für das südliche Baden-Württemberg im Januar 2013 gefunden zu haben. Das war aber nicht das Richtige für mich, das habe ich sehr schnell gemerkt. Dann habe ich ein Studiensemester genommen und in Tübingen bei Professor Friedrich Schweitzer Religionspädagogik belegt. Dort habe ich wie wild an meiner Dissertation geschrieben, die ich 2015 unter dem Titel „Krankenpädagogischer Religionsunterricht“ vorgelegt und 2016 publiziert habe. Im September 2013 bin ich dann wieder nach Weissenau zurückgekehrt. Das war für mich und auch für meine Familie nicht einfach. Aber ich habe eigentlich nur positive Rückmeldungen bekommen und das gelegentliche Gefühl des Scheiterns überwunden. Über das, was ich hier alles machen kann, bin ich glücklich. Die Beschäftigung mit den jungen Menschen, die Gottesdienste, das Kirchen-Café, die Kulturkirche und nicht zuletzt die AG zur Vorbereitung des Gedenktags für die Opfer der sogenannten Euthanasie.

7. Was macht eine gute Predigt aus? Predigen Sie gerne?

Mein Predigtstil hat sich im Lauf der Zeit geändert, beeinflusst auch über die Arbeit als Pressepfarrer und eine journalistische Weiterbildung. Ich will mehr direkt auf die Probleme der Menschen eingehen und versuchen, das in den Predigten aufzuarbeiten. Floskeln mag ich gar nicht. Lieber ist mir, dass die Leute mit Fragen zum Weiterdenken aus meinem Gottesdienst herauskommen als mit fertigen Antworten. Derzeit bereite ich eine dreiteilige Predigtreihe zum Thema „Schöpfung und Klimawandel“ vor.

8. Bleibt Ihnen als Pfarrer genügend Zeit für sich und für die Familie? Können Sie gut abschalten? Und was hilft Ihnen dabei?

Es ist mir immer wichtig, dass die Familie nicht zu kurz kommt. Abschalten kann ich am besten beim Sport, früher Fußball und Joggen, heute möglichst drei Mal in der Woche Nordic Walking.

9. Sie sind SPD-Mitglied, waren von 1999 bis 2009 im Ravensburger Kreistag und sind seit Mai 2019 Gemeinderat in Ravensburg. Was hat Sie zu diesem politischen Engagement veranlasst? Und warum gerade bei der SPD?

Schon von zu Hause aus war ich sozialdemokratisch orientiert. In der SPD habe ich die größte Affinität zum christlichen Glauben entdeckt und bin dann 1998 in die Partei eingetreten. Seit einiger Zeit arbeite ich auch im bundesweiten Arbeitskreis Christ*innen und SPD" mit. Eigentlich sehe ich mich als grün angehauchten Sozi. Eine klare Position gegen rechtspopulistische und rechtsextreme Bestrebungen ist mir wichtig. Dass ich letztes Jahr als einer von nur noch drei SPD-Gemeinderäten in den Ravensburger Rat gewählt wurde, hat mich überrascht. Damit ist mehr Arbeit verbunden, als ich gedacht hätte. Aber wenn ich in knapp zwei Jahren in Ruhestand gehe, habe ich dafür mehr Zeit und Luft.

Vielen Dank für das interessante Gespräch mit Ihnen!

Das Interview führte Sibylle Emmrich

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